Mittwoch, 17. Juni 2015

Grundsteinlegung - Festansprache des Direktors

Nachfolgend finden Interessierte meine kleine Festansprache zum Abschluss der Grundsteinlegung für das Haus der Zukunft am 10.6.2015. Hier ging es mir insbesondere um das inhaltliche Konzept. Meine kleine Begrüßungsansprache zur Grundsteinlegung, die vor allem die Historie des Ort des Geschehens, das Kapelle-Ufer zum Inhalt hatte, kann hier ebenfalls nachgelesen werden.

(und hier das Kleingedruckte: es gilt wie immer bei solchen Redeabschriften das gesprochene Wort ;-)

"Liebe Festgäste,


Die Architektur gibt uns nun, wie wir gehört haben, einen Raum, den es mit Leben zu füllen gilt, mit Ideen, Experimenten, Visionen, der in Diskussionen und Verhandlungen von Positionen inhaltlich zu entwickeln sein wird, und der sicherlich auch viel Unvorhergesehenes in sich aufnehmen wird.

Es geht dabei also nicht darum, aus diesem werdenden Haus einen messeartigen Showroom für Wissenschaft und Technologie, oder gar einen Repräsentationsraum für politische Agenden zu machen.  Ich möchte nicht missverstanden werden, es ist - so denke ich - wohl ziemlich jedem klar, dass wir täglich mit Wissenschaft und deren Anwendungen leben, ja auch davon abhängig sind – das geht schon beim Häuserbauen los: es war auch hier die Wissenschaft, die uns etwa mit der Bessemer Birne Mitte des 19. Jahrhunderts ermöglichte, die jeweils beste Stahlmischung zu produzieren, wie wir sie auch für Stahlbeton und damit für unser Haus der Zukunft brauchen.  Ich meine vielmehr, Wissenschaft und Technik sind entschieden von zu großer Bedeutung,  um sie einfach nur so „auszustellen“. Gerade weil unser Leben dermaßen von Wissenschaft und Technologie durchdrungen ist und in Zukunft möglicherweise noch mehr durchdrungen sein wird. Und natürlich auch, weil wissenschaftliche und technische Innovation uns mehr Freiheiten geben und uns nicht fesseln soll, müssen wir sie – so meine  ich – als  Form der Innovation von täglichen Lebenswelten her denken - genau das wollen wir im Haus der Zukunft tun. Soziale Innovation darf nicht hinter wissenschaftlicher und technischer Innovation herhinken, was dann eher eine gesellschaftliche Anpassung an Vorgegebenes wäre, sondern – und dazu ist unser wissenschaftliches Wissen über systemische Zusammenhänge nun groß genug – soziale Innovation muss mit technischer Innovation zusammengedacht werden. 


Die großen Herausforderungen, mit denen die Zukunft uns konfrontiert, etwa die zukünftige Ernährung, Gesundheit, das Wohnen - und dabei v.a. das Leben in Städten - , das Arbeiten und Wirtschaften, und selbstverständlich auch die klimaneutrale Energiegewinnung und Energieverteilung in der Zukunft hängen nicht nur alle miteinander zusammen, sondern sie  erfordern auch, dass alle Gesellschaftsbereiche, ja alle Individuen zusammen agieren. .“   Dazu sind Dialog und Partizipation dringend notwendig. Was wir also brauchen, ist ein neues Miteinander, an dem alle Akteure der Gesellschaft, aus Wissenschaft, aus Wirtschaft,  aus Politik,  aus Zivilgesellschaft  - beteiligt sind.

Dies heißt aber auch, dass wir alle

ie Architektur gibt uns nun, wie wir gehört haben, einen Raum, den es mit Leben zu füllen gilt, mit Ideen, Experimenten, Visionen, der in Diskussionen und Verhandlungen von Positionen inhaltlich zu entwickeln sein wird, und der sicherlich auch viel Unvorhergesehenes in sich aufnehmen wird.
  • miteinander in Verbindung stehen müssen,
  • miteinander kommunizieren können müssen,
  • wissen müssen, worüber wir reden,
  • uns verstehen müssen, hineindenken können müssen – gerade auch wenn wir vielleicht ganz anderer Meinung sind,
  • und mitmachen müssen.
Genau dazu wollen wir mit dem Haus der Zukunft beitragen. Denn gerade bei den Zukunftsfragen gilt es, nicht wie das Kaninchen vor der Schlange zu sitzen: nach dem Motto - was da auf uns zukommt kann ich eh nicht ändern - , sondern herauszufinden,
  • was kann man anders machen, was kann man verändern?
  • was ist möglich,
  • was ist wünschenswert?
  • Was ist überflüssig geworden auch in unseren Köpfen, in unseren Kopfschubladen zu fest einsortiert, was kann da dauerhaft weg, was gehört umgeräumt, was herausgeholt?

Wir wollen also am Haus der Zukunft exemplarisch aufzeigen,
  • auf welche Weise alle Bereiche miteinander in Beziehung stehen, voneinander abhängen, sich gegenseitig bedingen;
  • warum wir man manche Dinge tun, andere sein lassen, und wieder andere nicht richtig anpacken.

Hierzu  wollen wir aber auch
  • den Weg vom Wissen zum möglichen Handeln transparent machen,
  • die Möglichkeit zur Teilhabe geben,
  • neue Lösungsansätze ausprobieren lassen, vielleicht auch selbst mit entwickeln,
  • oder unser Publikum darum bitten, sich selbst als Forschungsobjekt zur Verfügung zu stellen.
Bürgerinnen und Bürger sind also eingeladen, miteinander, aber auch mit Wissenschaft, Wirtschaft und Politik, ins Gespräch zu kommen; in Workshops, in Bürgerkonferenzen und offenen Beteiligungsformaten aktiv am Entwurf möglicher Zukunftspfade mitzuarbeiten, und etwa in unserem Reallabor, selber Technologien und Konzepte auf ihre Tauglichkeit und Nachhaltigkeit zu testen.

Insgesamt beschäftigt uns dann dabei v.a. die große Frage, wohin soll die Reise gehen? Wir werden – auch über Veranschaulichungen mit Ausstellungen - versuchen, offen zu legen, dass es nicht die EINE große Lösung gibt. Das ist gleichermaßen spannend und aufregend, aber auch anstrengend. Denn wie oft sind wir zwar davon überzeugt, dass es in vielem so nicht weitergehen kann, aber wir sind dann oft auch genauso überzeugt zu wissen, wie die Lösung „ganz einfach“ aussehen muss. Dumm nur, dass andere dann auch wieder von ihren ganz speziellen Lösungen überzeugt sind und alle anderen in ihren Augen falsch liegen. Also hilft nur – und das ist eigentlich das spannendste – Offenheit und ein stetiges Verbessern dieser Kompetenz, denn der Weg in die Zukunft ist ein Suchprozess. Es gibt viele Wege, die allermeisten nur gehbar mit Hilfe von Wissenschaft und Technik, aber eben auch nur gemeinsam mit den Bürgern. Wir wollen solche möglichen Wege im Haus der Zukunft mit Ausstellungen und Ausprobierstationen veranschaulichen, ins tägliche Leben herunter brechen, probeweise beschreiten, um sie dann besser diskutieren und kritisch verhandeln zu können.

Ein Beispiel: Beim Thema Ernährung, in der Medizin beim Klima, überall können wir jeweils ganz verschiedene Szenarien versuchsweise "durchdeklinieren", solche Szenarien – ich denke dabei an fünf - sind tatsächlich eines der Kernstücke meines inhaltlichen Programms:
  • Weg 1: weitermachen wie bisher?
  • Weg 2: reagieren erst wenn es ein Problem gibt? Häufig wird dies auch in Zukunft noch so sein, etwa bei medizinischer Behandlungsnotwendigkeit im Krankheitsfall. Oder passen wir uns mit schwimmenden Häusern an den Meeresspiegelanstieg an, wie dies Holland bereits versuchsweise umsetzt?
  • Weg4: weniger ist mehr,  ein zurück zur Natur, ein Suffizienzweg? Etwa vegetarische  und lokale Ernährung?
  • Weg 4: ein naturkonsistenter, bioadaptiver Weg, der u.a. insb. auf Kreislaufwirtschaft setzt?  Die Technologie der erneuerbaren Energien, aber auch wieder verwertbare Baustoffe oder der Trend des Self Trackings, der gesundheitlichen Selbstoptimierung unsers Körpers z.B. über neue smart watches gehören hierher.
  • Weg 5: eine Hightech-Vision, vielleicht entlasten wir die Natur, in dem wir in NanoCarbon-Hochhäusern in Städten leben, in einer hochtechnisierten und vernetzten Arbeitswelt arbeiten, Essen in urbanen Farmhochhäusern produzieren oder gar aus dem 3D-Drucker ausdrucken lassen? Es geht dabei dann natürlich auch viel um ethische Fragen: wollen wir z.B. – etwa basierend auf persönlichen DNA-Untersuchungen – wissen, wie hoch unsere individuellen Gesundheitsrisiken sind?

Auch unsere Bauzaunkünstler Marc Hennes und Matti Gajek hatten die Aufgabe, solche möglichen Zukunftswege im Hinterkopf zu haben, sich aber davon nicht einengen zu lassen. Was ist dabei entstanden? Ganz unterschiedliche Bilder dessen, was die Zukunft vielleicht bringen könnte, wenn wir wissensbasiert und pflegend, sozusagen gärtnerisch, uns als Teil eines Gesamtsystems Erde verstehen. Ein Ausprobieren-und-Verhandeln, ein Fortschritte- und auch Irrtümer-machen, ein Nicht-besserwisserisch-sein, ein Erst-mal-alles-zulassen. So haben unsere Künstler z.B. ihre Vorstellung von Städten der Zukunft nicht etwa in einer hoch verdichteten Hochhauskulisse zum Ausdruck gebracht, sondern sie haben ganz visionär und kreativ eine Stadt aus kleinen, umbaubaren Einheiten mit dezentraler Solarenergieversorgung, Kreislaufsystemen, kooperativen Strukturen „geschaffen“, sozusagen eine kreative Mischung aus Suffizienz-, bioadaptivem und Hightech-Pfad.


Das "Pentagon" des Direktors, die fünf möglichen generellen Zukunftswege und ihre Mischungsmöglichkeiten, mit Beispielen aus der Bauzaungestaltung. Illustrationen © Matti Gajek & Marc Hennes, UdK Berlin.

Da nun gleich das Thema Essen angesagt ist: ob das Essen der Zukunft aus dem 3D Drucker kommt, oder gar spezielle Unterarten technologisch geklont werden, wie bei unserer Künstlerfiktion Zea mais dollirensis – Sie haben dies vielleicht schon auf dem Bauzaun entdeckt - bleibt Ihnen und Ihrer Vorstellungskraft überlassen. EINE Entwarnung kann ich schon mal geben: obwohl der Verzehr von Insekten für uns eigentlich nur Vorteile hätte – 2 Milliarden Menschen essen sie, sie haben hochwertige Proteine, sind leicht zu züchten, dabei überaus Ressourcen schonend , sehr eng biologisch verwandt mit Garnelen und schmecken sogar gut – nein,  wir werden heute keine Wüstengarnelen, Mehlwurmrisotto oder Maikäfersuppe servieren:  viele die mich etwa besser kennen, haben so etwas vielleicht befürchtet - wie gesagt Entwarnung - aber das Thema ist ein gutes Beispiel dafür,  dass Wissensvermittlung und sei sie auch in noch so spannender Weise gestaltet, in vielen Fällen nicht ausreicht, uns zu überzeugen -  unsere kulturelle Einbettung, unsere Traditionen und Überzeugungen mit auf die Zukunftsreise zu nehmen, wird also eine spannende Erfahrung für alle werden.

In diesem Sinne vielen Dank für Ihr Kommen und Ihr Interesse, stoßen wir nachher nicht einfach „auf die Zukunft“ an, sondern auf unseren „gemeinsamen Weg in die Zukunft“ ! Und ich hoffe, dass für möglichst viele dieser Weg dann auch durch das Haus der Zukunft führen wird.

Auch stellvertretend für mein noch sehr kleines, aber wachsendes Team danke ich Ihnen sehr für Ihr Interesse."

Reinhold Leinfelder, Gründungsdirektor der Haus der Zukunft gGmbH

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